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Das Sprach-Korsett ablegen: Warum perfektes Deutsch eine Illusion ist

vor 4 Tagen
3 Min. Lesezeit


An: Die Sprach-Industrie Von: Allen, die genug vom Lern-Hamsterrad haben Betreff: (Dringend) Kündigung!

Liebe Sprach-Maschinerie,

wir kennen uns jetzt schon eine ganze Weile und es ist an der Zeit, endlich die Weichen zu stellen. Seit Jahrzehnten verkaufst du uns allen dasselbe, wunderbare Versprechen:

„Wir bringen dir die Regeln bei. Wir korrigieren deine Fehler. Hier sind die 10 besten Phrasen. Du schaffst das!"


Klingt einfach, machbar und logisch.

Genau das, was man sich wünscht, wenn man in einem fremden Land überrollt ist, und sowohl beruflich als auch persönlich etwas auf die Beine stellen möchte.


Du versprichst Sicherheit durch Struktur und maximale Kontrolle. Dafür hast du Punkte, Buchstaben und Parolen, die schön klingen. Alles sauber gemessen – in Niveaustufen, Kann-Beschreibungen, Lernstunden – zertifiziert, anerkannt, standardisiert. Und manche schaffen es, ich weiß. Sie machen mit und haben Spaß! Aber manchen geht die Puste aus und sie denken sich: Wann kann ich endlich raus? Aus diesem Hamsterrad?

"Wieso?", sagst du, "Man kann sich noch weiterhin verbessern! Ein lebenslanges Lernen - du wirst sonst irgendwas verpassen." „Na gut!“ Man beißt sich die Zähne zusammen, um diese Treppe hochzusteigen: A1, A2, ... C1, C2, Germanistik-Studium, Rhetorik-Training, Aussprache verbessern, interkulturelle Sensibilisierung, Berufsdeutsch, gibt’s noch irgendeine Challenge, eine Stufe oder Kurs, den man mitnehmen könnte?

Was als nette Hilfestellung begonnen hat, wurde schleichend zur Denkweise, zur Erwartungshaltung und am Ende zu einem recht unbequemen inneren Korsett.

Man denkt sich: „Ja, es gehört dazu... Ich bin doch keine Ausnahme!“

Ganz beiläufig lässt man den inneren Monitor immer mitlaufen: Ach, noch eine schöne Phrase, die ich selbst nicht benutze... Hm, ein dummer Grammatikfehler – wie kann das sein? Wieso muss ich selbst nach Jahren immer noch so viel nachdenken... in anderen Sprachen aber nicht?

Ist Deutschlernen eine Verschwörung?

Ach, Quatsch! Irgendwann glauben wir uns selbst, dass unsere Sprache eine ständige Prüfung sei. Wir testen uns ständig selbst, oder haben das Gefühl, dass andere uns bewerten. Nur was wir nicht bemerken: Es ist nicht mehr die Sprache, die geprüft wird. Es ist die Person.

Wir nutzen die gelernten Schablonen als Schutzpanzer, um bloß keine Angriffsfläche zu bieten – und legen damit unbemerkt eine starr kontrollierte Maske über unser Deutsch.

Wir fühlen uns jahrelang klein. Wir zwängen uns in Kostüme, in Redewendungen, in Nomen-Verb-Verbindungen... die uns einfach nicht passen... Nur, um zu gefallen. Möglichst authentisch zu klingen. Und nein, es ist nicht rein kosmetisch. Es wird uns auch sehr stark suggeriert und in der Werbung von Sprachkursen direkt so verkauft: „Verbessere dein Deutsch, verbessere dein Leben!" Und dann wundern wir uns ehrlich, warum wir uns wie ein Papagei vorkommen oder uns künstlich, holprig und intellektuell unter Wert verkaufen.

„Es ist nicht meine Schuld“, wirst du jetzt einwenden. „Niemand hat euch perfektes Deutsch versprochen!“

Und doch haben wir irgendwie ununterbrochen und unbewusst an dieses Ideal gehalten und es zum Lebensziel erklärt.


Weil es motiviert.

Weil es zeigt, dass wir nie aufgeben.

Weil es uns zu Kämpfern macht.

In Wahrheit füttert es aber nur die stetig wachsende Angst, falsch gesehen zu werden. Der Weiterentwicklungsdrang geht so weit, dass er praktisch zu einem Hamsterrad wird, das sich immer weiterdreht, während wir an derselben Stelle treten. Endlos. Was ist das Problem, wenn es so wäre? Ist Lernen nicht ein nobles Ziel? Und smarte Ziele muss man doch irgendwie messen... Ja, ja, ich verstehe schon... Fortschritt muss sichtbar gemacht werden. Aber hier ist ein Gedankenexperiment:

Was passiert, wenn man aufhört, dem nächsten Buchstaben, Zertifikat oder der nächsten Anerkennung hinterherzujagen?

Was ist, wenn wir die Idee, dass Sprache ein Standardprodukt ist, nicht mehr abkaufen?

Was ist, wenn wir begreifen, dass Sprache ein individueller Raum ist, der uns trägt, uns zeigt und dazu dient, uns selbst zu verstehen? Kein Regelwerk, an das wir uns anpassen müssen, sondern ein Werkzeug, mit dem wir unser eigenes Kunstwerk kreieren?

Sprache ist ein Spielraum, der so groß und so klein sein kann, wie wir ihn gerade brauchen. Es ist der Raum, in dem wir denken, in dem wir uns selbst definieren – und er darf variieren! Denn in diesem Spielkasten spielen wir nach unseren Regeln – verschiedene Rollen – die sind so viel mehr als die Dialoge, die wir brav nachgeplappert und die spontan noch nie richtig gesessen haben. Dort dürfen wir auch mal müde sein und die Sprachen mischen. Wir dürfen schweigen oder den Schweiß von der Stirn abwischen, nach einem anstrengenden Tag... und dann wiederum in einzelnen Gesprächen glänzen, lachen und vor Freude schmelzen. Auch wenn uns mal das Wort dafür nicht einfällt. Auch wenn wir das Verb nicht am Ende steht.

Sprache ist Autonomie und Individualität! Keine Checkliste.

In diesem Sinne: Danke für die Grammatiktabellen und die Wortschatzkiste...

Den Rest übernehmen wir ab hier selbst.

Ohne Druck, ohne Abzeichen und mit Respekt vor der eigenen Individualität!

Deine Sprach-Individualistin

(und alle, die sich danach sehnen, ihr Sprach-Korsett für einen Moment abzulegen) Lass es auf dich wirken. Du darfst widersprechen.

 
 
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Ich bin Dilyana.
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